August 17, 2026

Was ist eigentlich mit „Knuddels“ passiert?

Wer 1999 alt genug war, um von seinen Eltern einen Zugang zum Internet erlaubt zu bekommen, kam bereits da an Knuddels kaum vorbei. Ein Online-Chat, wo sich die Nutzer*innen innerhalb verschiedener, themenbezogener, Chaträume miteinander unterhalten können. Gegründet von Holger K. und zwei seiner Kumpels während ihres Studiums in Karlsruhe, erfreute sich Knuddels Anfang bis Mitte der 2000er großer Beliebtheit bei allen Altersgruppen. Man kann fast sagen, es war das Facebook seiner Zeit. Man kam von der Schule heim, schmiss den Rucksack in die Ecke und dann traf man sich mit seinen Online-Freunden zu einem Chat, ärgerte den Chatbot James oder schickte sich digitale Rosen, Küsse und Knuddels (dazu später mehr). Doch im Laufe der Zeit wurde Knuddels nicht nur von anderen Plattformen überholt, es wandelte sich auch immer mehr und entwickelte sich ebenfalls weiter, aber leider anders als erhofft. In diesem Artikel möchte ich das alles ein wenig beleuchten – aus Sicht eines der ersten User seinerzeit (ja, ich bin alt).

Der Anfang

Wie bereits erwähnt, wurde Knuddels 1999 von 3 Studierenden in Karlsruhe als Chat-Alternative zu damals bekannten Formen wie IRC gegründet.

Recht schnell explodierte die Plattform förmlich. Denn gerade gegenüber der Konkurrenz (wie eben IRC) bot Knuddels seinerzeit viel an: Es war technisch selbst für junge User*innen schnell zugänglich, optisch ansprechender als dröge IRCs und hatte einige Funktionen, die es hervorhoben: Man kann per Befehlen einander digital „küssen“, „umarmen“, sich „Rosen“ schicken (mit einem Begleittext) und Knuddels. Ja, das ist nicht nur der Name der Plattform selbst, sondern auch der Name der plattformeigenen Emojis, des Maskottchens (ein plüschiges Etwas) und eben jener Währung, die zu der Zeit keinen wirklichen Gegenwert hatte, aber dennoch hat man Knuddels gerne gesammelt. Während man nämlich Küsse und co einfach versenden kann, kann man einen Knuddel nur versenden, wenn man selbst einen hat. Diese werden im Profil gezählt und angezeigt. (Auch angezeigt wird im Profil, wie oft man „Kisses“, Rosen und co. bekommen hat, dieser Zähler geht aber beim selbst senden nicht runter, anders als bei den Knuddels).

Dann gibt es zahlreiche Themen-Channels, in welchen man später auch unterschiedliche chatbasierte Spiele spielen kann. Mafia – die Knuddels-Version von Die Werwölfe vom Dunkelwald – war eines der beliebtesten. Es gibt aber auch Chanels zu Rollenspielen (Nicht NUR die sexuellen), selbst Pen & Paper Fans finden dort zueinander. Zahlreiche größere Städte Deutschlands haben ihre eigenen Channels, wo man sich mit Leuten aus seinem Ort und der Umgebung vernetzen kann. Viele dieser Channels waren/sind regelmäßig voll. Die Leute sitzen teilweise stundenlang vor dem PC und chatten öffentlich mit allen, oder im privaten Chat mit einzelnen Usern.

Das letzte, besondere, Feature sind dann noch die Verknuddelichungen. Das ist eine Art digitale Hochzeit. Zwei User*innen melden sich dafür als Ehepaar an, es gibt Trauzeug*innen und das ganze findet als Echtzeit-Chat in einem gesonderten Channel statt zu einem Termin, wo dann ein Moderator das Event leitet. Die beiden Verknuddelichten tragen einander ein Gedicht vor und dann am Ende des Events bekommen sie in ihren Profilen entsprechende Einträge. Natürlich hat dieses Event keinerlei rechtliche Auswirkungen auf das echte Leben – es ist also keine wirkliche Hochzeit. Es dient viel mehr dem Spaß, der Freude und natürlich dem Zweck, seine Liebe – oder auch nur eine besondere Freundschaft – ein wenig mehr zu zeigen.

 

Der Wandel der Zeit

Wie schon erwähnt, war Knuddels 1999 technisch ein Vorreiter im Netz. Es war kein weltweiter Durchbrecher, wie Facebook, aber im deutschsprachigen Raum wurde der Chat doch sehr bekannt und führend. Das änderte sich jedoch mit der Zeit, als mehr und mehr Alternativen die Welt eroberten – darunter natürlich auch Social-Media wie MySpace, Twitter, die VZ-Seiten -und natürlich MSN und vor allem ICQ.

Gerade ICQ sorgte seinerzeit für eine erste Abwanderung von Chattern. Man traf sich mit seinen engsten Chat-Freunden kurz auf Knuddels, um die ICQ-Nummern zu tauschen und dann wurde dort weiter gechattet und gespielt – Knuddels verlor seinen zentralen Platz bei den Leuten. Dasselbe passierte später dann erneut mit Whatsapp.

Jedenfalls sanken die Userzahlen und Knuddels versuchte, sich selbst neu zu erfinden. Es kamen neue Funktionen und Spiele dazu, sowie eine eigene App für’s Smartphone.
Zeitgleich aber erfolgte auch eine Veränderung der Ausrichtung und der Zielgruppe. Denn während Knuddels zuvor optisch und thematisch eher die jüngeren Menschen ansprach, setzte man später mehr auf den Dating-Faktor. Die Flirt-Chanels wurden deutlich mehr an der Zahl und die Optik der Seite wurde vom niedlich-kindlichen Stil eher auf Erwachsene ausgerichtet. Die Dating-Ausrichtung wurde immer deutlicher. Neue Monetarisierungsmodelle, wie der Verkauf von virtuellen Gütern und VIP-Mitgliedschaften, wurden eingeführt, um den Betrieb abseits von Werbebannern zu finanzieren.

Und das führte aber auch zu Problemen.

Die Probleme

Schon vor dem Image-Wandel gab es Probleme mit dem Jugendschutz. Kinder und Jugendliche wurden immer wieder und immer öfter auf gefährliche Weise kontaktiert: Erwachsene, die sexuellen Kontakt zu Minderjährigen suchten, wurden zunehmend zum Problem. Und auch wenn Knuddels betonte, dagegen vorzugehen und auch technische Maßnahmen zu ergreifen, ebbte das Problem nie vollständig ab. Im Gegenteil – als die Zielgruppe älter wurde, wuchs die Zahl der sexuellen Übergriffe über den Chat enorm an. Knuddels wurde immer beliebter unter Pädophilen und alle Maßnahmen der Betreiber konnten das Problem nie ganz eindämmen. Gleichwohl verlor der Chat durch den Wandel an Bedeutung – die Jüngeren wurden durch die neue Ausrichtung und die Belästigungen verschreckt und verließen den Chat, während die neue Zielgruppe – Dating-User – lieber andere Apps (Tinder, etc.) nutzten.

Dann gab es 2018 noch ein großes Datenleck, bei welchem Nutzerdaten in die Hände Dritter gerieten. Das ging auch durch die Medien und sorgte für noch mehr Kritik an der Plattform.

Zudem wurde die Monetarisierung immer aggressiver. Inzwischen kann man sich kaum mehr einloggen, ohne nicht mindestens eine Einblendung zu bekommen, welche neuen Emotes im Shop verfügbar sind oder welche neuen Premium-Funktionen man denn nun verpassen würde, wenn man nichts zahlt.

Und so sind die Userzahlen immer weiter gesunken.

 

Was bleibt

Knuddels ist längst nicht mehr das, was es mal war. Aber: Im Gegensatz zu vielen anderen der ehemaligen Internet-Riesen – VZ, ICQ, etc. – gibt es die Seite nach wie vor und sie wird auch weiterhin genutzt – wenn auch längst nicht mehr so wie früher.

Die Probleme mit Cybergrooming und Belästigung bestehen weiterhin.

Viele Chanels, die früher eine große Stamm-Gruppe an Chattern hatten, sind inzwischen komplett verweist. Als Beispiel der Channel Karlsruhe. Früher war dieser zu nahezu jeder Tageszeit gut besucht und vor allem Abends sogar voll (also mit 40 Usern besetzt). Heutzutage ist der Channel nahezu ausgestorben. Die User sind entweder auf andere Chanels ausgewichen oder gänzlich verschwunden.

Die Stimmung in den Chanels hat sich ebenfalls gewandelt. Während man sich früher einfach einloggen konnte und dann im öffentlichen Chat schnell Themen fand, an denen man sich beteiligen konnte – oder eigene Themen starten konnte – sind die Chanels heute öffentlich eher ruhig. Die Kommunikation findet inzwischen mehr im privaten zwischen einzelnen statt und statt über Gott und die Welt zu plaudern, suchen 90% der Anwesenden nur nach Dating.

Die lockere Stimmung, welche auch mich früher an den Chat fesselte, ist verschwunden. Doch tot ist die Seite längst nicht. Ob sie das aber auch bleibt, wird die Zeit zeigen.

Ich persönlich schaue gelegentlich mal aus nostalgischen Gründen rein, aber wirklich chatten tue ich längst nicht mehr. Meine früheren Knuddels-Freunde habe ich seit Jahren nicht mehr online gesehen und rechne auch nicht mehr damit.

Das Interface ist inzwischen überladen und voll mit Gamification und Premium-Anzeigen. Teilweise erinnert es mehr an ein Mobile-Game als an einen Chat.

Kann ich Knuddels also noch empfehlen? Eher nein.
Hatte ich seinerzeit Spaß damit? Ja, sehr viel sogar. Ich verbinde einige, sehr positive, Erinnerungen mit dem Chat.

Euer

Beriel