Die Kunst der Ablenkung: Warum Whataboutism scheiße ist
Ihr alle habt sowas mit Sicherheit schon gesehen: Jemand macht ein Posting zu einem Thema. Und in den Kommentaren kommentiert dann mindestens eine Person dann mit „aber was ist mit XY?“
Etwa bei einem Post über Gewalt gegen Frauen – da wird dann gerne (meist von Männern) kommentiert: „Aber was ist mit Männern? Die erleben das auch!“
Diese Art von Kommentaren nennt man whataboutism. Damit wird unter einem Post über ein bestimmtes Problem auf ein anderes, ähnliches Problem verwiesen. Ziel ist dabei jedoch nicht, für das andere Thema auch mehr Aufmerksamkeit zu gewinnen, sondern viel mehr, dem Hauptthema des Posts diese zu entziehen. Die Gründe, warum jemand das macht können vielfältig sein.
- Ablenkung von eigenem Fehlverhalten: Wenn sich Menschen von einem Post angesprochen/angegriffen fühlen, weil das beschriebene Fehlverhalten auf sie selbst zutrifft, löst das meist Unwohlsein bei diesen Menschen aus. Statt dann aber zu reflektieren, reagieren diese Leute dann mit Whataboutism, um von sich abzulenken und den Diskurs wieder umzulenken.
- Relativierung: Durch Verweis auf das Fehlverhalten anderer soll das eigene kleiner oder weniger bedeutsam erscheinen.
- Schutz der Weltanschauung: Whataboutism wird auch gerne bei politischen Themen genutzt, etwa um die eigene Weltanschauung vor Kritik zu schützen, bzw. nicht hinterfragen zu müssen.
- Trolling/Kapern der Diskussion; Macht: Einige User wollen mit Whataboutism einfach nur stören, damit also trollen. Oder sie hoffen, mit ihrem Fingerzeig andere Gleichgesinnte in den Kommentaren zu finden, mit denen sie dann vom Hauptthema weglenken können, um ihrerseits den Diskurs zu kapern und zu lenken. Das ist etwa besonders beliebt unter Männern, die von Frauen gestartete Themen übernehmen wollen. Hier geht es auch um Erhaltung eines Machtgefühls über die Person, welche das ursprüngliche Thema gestartet hat.
- Tatsächliches Bedürfnis, über das andere Thema zu sprechen: Ganz selten gibt es auch tatsächlich echtes Interesse an dem Thema, welches User einwerfen. Diesen ist es dann vielleicht in dem Augenblick selbst nicht bewusst, dass sie damit whataboutism betreiben. Aber auch dann ist es wichtig, diese auf eigene Posts zu verweisen.
Wie mit Whataboutism umgehen?
- Nicht darauf eingehen: Fang keine Diskussion über das eingeworfene Thema an.
- Das Muster klar benennen: Sprich ganz klar aus, dass dein Gegenüber gerade whataboutism betreibt. Du kannst hier im Gegenzug auch Gesprächsoffenheit zeigen, indem du anbietest, das andere Thema gerne in einem separaten Post zu thematisieren oder dem User vorschlagen, er könne ja gerne einen eigenen Post zu seinem Thema machen und dann diskutierst du gerne mit.
Auf weitere Versuche, von deinem Thema abzulenken nicht weiter eingehen und konsequent zeigen, dass dein Post auch dein Thema ist und bleibt.
Nicht selbst zum „Ablenker“ werden
Es ist verständlich, dass man sich über Leute ärgert, die einem das Thema mit Whataboutism stören wollen. Gerade darum sollte man selbst nicht dazu greifen. Vor allem dann, wenn das eigene Thema einem wirklich wichtig ist. Denn man hilft dem Thema nicht zu tatsächlicher Relevanz, wenn man es überall störend anbringt.
Beispiel: Es ist wenig förderlich und sammelt keine Sympathien für die Lage in Palästina, wenn man unter einem Post zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine mit „aber was ist mit Gaza?“ kommentiert – oder umgekehrt.
Das ist ziemlich genauso, wie Eigenwerbung als Streamer: Wenn ich jetzt etwa in euren Chat komme und dort dann schreibe „Hey, ich streame jetzt auch, schaut doch mal bei mir rein [Link]“ – wird kaum einer eurer Chatter darauf anspringen und meinen Stream überhaupt jemals sehen wollen, ganz zu schweigen ihr selbst.
So ist es auch mit Whataboutism. Wenn ihr eure Themen so in Diskurse werft, werden die Leute erst recht weniger Interesse an diesen zeigen. Es tritt ein umgekehrter Streisand-Effekt ein und ihr schadet eurem Thema mehr, als ihm zu nützen. Darum: Lasst es.
Euer
Beriel
